CHAM –G`‘radscht und g‘richt Treffpunkt Ehrenamt Landkreis Cham

Kurzbeschreibung der FA/FZ/KoBE

Der Treffpunkt Ehrenamt ist seit Juli 2000 als kommunale Freiwilligenagentur und Einrichtung des Landkreises Cham tätig. Mit der Förderungsoffensive des Freistaats Bayern trägt die Einrichtung nun auch die Bezeichnung „Koordinierungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement“ (KoBE).

Von seiner Gründung an erfüllt der Treffpunkt Ehrenamt nicht nur die Ansprüche einer reinen Vermittlungsagentur, sondern dient den Vereinen als Beratungsstelle und entwickelt mehr und mehr eigene Projekte.

So hat z.B. 2008 die Katholische Stiftungsfachhochschule München im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen ein Gutachten zum Wert des Bürgerschaftlichen Engagements in Bayern erstellt. Dafür bildete der Landkreis Cham (zusammen mit der Stadt Würzburg) die ländliche Gebietskulisse.

Ab 2009 wurde vom Treffpunkt Ehrenamt im Modellversuch eine EhrenamtsCard entwickelt, die dann ab 2011 in die Bayerische Ehrenamtskarte überging. Aktuell haben mehr als 80 bayerische Landkreise und kreisfreie Städte dieses Konzept übernommen.

Der Landkreis Cham ist mit seinem Treffpunkt Ehrenamt Gründungsmitglied der lagfa bayern als e.V.

 

Projektbeschreibung

 

Ziel

 

„Gradscht & gricht“ - Die Lernwerkstatt

In der heutigen Zeit werden Unmengen weggeworfen. Auch Gegenstände, an denen nicht viel kaputt ist und die nach einer einfachen Reparatur problemlos wieder verwendet werden könnten. Oft ist es auch so, dass die Reparatur teurer ist als eine Neuanschaffung. Auch ist das Reparieren bei den meisten Menschen aus der Mode gekommen. Sie wissen einfach nicht mehr, wie man Dinge repariert. Dieses Wissen verschwindet schnell. Ein Reparatur Café ändert das! Es findet ein wertvoller, praktischer Wissensaustausch statt.

Da der Begriff „Repair oder Reparatur Café“ wenig Bezug zu unserer Region hat, haben wir uns für den einheimischen Untertitel „gradscht & gricht“ entschieden. Diese Bezeichnung gibt nach unserer Ansicht den eigentlichen Sinn des Projektes wider:

Zusammen kommen – sich austauschen – und nebenbei etwas lernen!

Reparatur Cafés sind also Treffen, bei denen die Teilnehmer alleine oder gemeinsam mit anderen ihre kaputten Dinge reparieren. Werkzeug und Material für alle möglichen Reparaturen sind vorhanden. Zum Beispiel für Möbel, elektrische Geräte, Fahrräder, Spielzeug und vieles mehr. Eben alles was man alleine tragen kann und alles was auf einen Tisch passt. Vor Ort sind auch ehrenamtliche Reparaturexperten zugegen: Elektriker, Schreiner, Fahrradmechaniker….

Im Mittelpunkt steht jedoch, dass das Reparatur Café zeigen möchte, dass Reparieren auch viel Spaß macht und oft relativ einfach ist. Oberste Devise ist, dass die Besucher zum Selbstreparieren angeleitet werden und so ein Wissenstransfer stattfindet. Dabei kommen auch die verschiedensten Altersgruppen zusammen und es kommt zu einem generationsübergreifenden Austausch und Miteinander. Damit aber der Wissensaustausch nicht nur einseitig von alt zu jung stattfindet, möchten wir in diesem Zusammenhang einen Handy-/Tablet-Dienst anbieten, in dem fitte Jugendliche den Älteren zeigen, wie das eigene Mobiltelefon funktioniert.

 

Bei dem Konzept drängt sich zwangsläufig die Frage auf, ob die kostenlosen Reparaturtreffen eine Konkurrenz für Reparatur-Profis sind. Doch die bisherige Erfahrung zeigt, dass der Einzelhandel meist gar kein Interesse hat, defekte Gegenstände zu reparieren. Alleine die Begutachtung, ob sich eine Reparatur noch lohnt, übersteigen nicht selten die Neuanschaffungskosten. Mit dem Reparatur Café soll vielmehr das Interesse am Reparieren wieder geweckt werden. Besucher werden in besonderen Fällen auch an die Profis weiter verwiesen.

Außerdem sind die Besucher von Reparatur Cafés in den meisten Fällen keine Kunden von Reparaturfachleuten. Die Besucher erzählen, dass sie kaputte Gegenstände meistens sofort wegwerfen, da sie die Reparatur in der Regel zu teuer finden. Im Reparatur Café sehen sie, dass es zum Wegwerfen tatsächlich Alternativen gibt und so Müll vermieden werden kann. Es ist also auch ein Mittel gegen die weitverbreitete „Wegwerf-Mentalität“. Das Projekt soll dazu führen, das die unterschiedlichen Generationen voneinander lernen.

 

Zielgruppe

Die gesamte Bevölkerung des Landkreises Cham

 

Vorgehensweise

Als kommunale Freiwilligenagentur sehen wir uns in einer besonderen Verantwortung. Insofern wurden bereits im Vorfeld alle möglichen Beteiligten in die Planungen mit einbezogen.

Ein Reparatur Café muss sich mit der Annahme auseinandersetzen, dass durch eine derartige Aktion womöglich in „Hoheitsgebiete“ der Wirtschaft und des Handwerks eingegriffen wird und im schlechtesten Falle Arbeitsplätze in Gefahr geraten könnten. Deshalb wurden die Kammern (Industrie und Handel, sowie Handwerk) frühzeitig in die Projektplanung einbezogen. Letztendlich konnten die anfänglichen Bedenken ausgeräumt und sogar die aktive Unterstützung eingeholt werden. Hier spielte gerade das Argument der Müllvermeidung eine übergeordnete Rolle.

Parallel dazu wurde bereits im Stamm der im Treffpunkt Ehrenamt registrierten Personen nach geeigneten Freiwilligen Ausschau gehalten. Die gute Vernetzung der KoBE und der Freiwilligen untereinander machte sich hier mehr als bezahlt. Gerade unter den Freiwilligen entwickelte sich eine Eigendynamik, sodass sich bereits vor einer ersten öffentlichen Bekanntmachung 28 Freiwillige bereit erklärten, beim Projekt mitzuwirken. Aus diesem Kreis der Freiwilligen kristallisierten sich Personen heraus, die die Koordination der Freiwilligen übernehmen wollten. Somit organisieren je zwei Freiwillige den Werkstatt- bzw. den Gastro-Bereich. Mit diesen Koordinatoren besuchten wir bereits erfolgreich umgesetzte Reparatur Café-Projekte in Straubing, Landshut und Neustadt/Aisch, die nicht nur Einblick in den Ablauf eines Reparaturtages, sondern wertvolle Erfahrungswerte vermittelten.

Als besondere Herausforderung stellte sich die Suche nach einem geeigneten Ort für ein Reparatur Café dar. Einerseits sollten für das Reparaturgeschehen geeignete Räume vorhanden sein und Platz für den Café-Bereich zur Verfügung stehen. Auch hier machte sich das positive Image des Treffpunkt Ehrenamt bezahlt, denn die Verantwortlichen der neuen, noch im Bau befindlichen Berufsschule sahen in einer Kooperation einen Synergieeffekt: Treffpunkt Ehrenamt und Berufsschule arbeiteten schon bei der Integration von unbegleiteten, minderjährigen bzw. berufsschulpflichtigen Flüchtlingen sehr gut zusammen. Dieser Umstand vereinfachte die Argumentation entscheidend, zumal die Schulleitung sieht – wie im übrigen auch die Kreishandwerkerschaft – im Reparatur Cafè auch eine Art Werbung für das Handwerk. Außerdem werden sich sowohl Berufsschüler und Lehrpersonal aktiv am Projekt beteiligen. Auch die Kioskpächterin der Schule erklärte ihre Mitwirkung.

Nach Bauvollendung der neuen Berufsschule soll am Samstag, den 8. Juli 2017 das erste Reparatur Café in Cham eröffnen und dann maximal vierteljährlich stattfinden.

Nachdem auch die Frage des Standortes geklärt und der Eröffnungstermin festgelegt waren, konnten sich die Koordinatoren an die Beschaffung der Werkzeuge und Materalien machen, die für die Reparaturarbeiten notwendig sein würden.

 

Umsetzung – Projektverlauf, Highlights auch schöne Geschichten

Ein erster öffentlicher Termin war eine Pressekonferenz des Landrats, zu der auch die Vertreter des Handwerks, der Berufsschule und der Kreiswerke (Müllentsorgung) sowie eine stattliche Anzahl von Freiwilligen gekommen waren. Alle Beteiligten kamen zu Wort und bezogen aus ihrer Sicht Stellung. Für die Presse wurden zwei Musterstationen aufgebaut, an denen zwei Ehrenamtliche die Ablaufprozesse erläuterten.

Das Projekt erzeugte entsprechende mediale Aufmerksamkeit. Sogar das Regionalfernsehen berichtete darüber: https://www.tvaktuell.com/mediathek/video/chamer-land-reparaturcafe/

Für den eigentlichen Projektablauf stellen verschiedene „Betreiber“ von Reparatur Cafés umfangreiches Material zur Verfügung. Wir haben uns für die „Erfinder der Repair Cafés“ in den Niederlanden entschieden. Gegen die Zahlung eines einmaligen, relativ geringen Betrages kann man sich das Starterpaket und die Logonutzung erwerben.

 

1. Ablauf:

Im Prinzip ist der Ablauf sehr einfach: Besucher nehmen defekte Gegenstände von zu Hause mit. An der Anmeldung werden die Personalien des „Kunden“ und die zu reparierenden Gegenstände datenmäßig erfasst und mit einem „Laufzettel“ begibt sich der Kunde zu den Reparaturtischen. Im Reparatur Café machen sie sich gemeinsam mit einem ehrenamtlichen Fachmann oder einer Fachfrau an die Arbeit. Man kann dort immer eine Menge lernen. Mit einem Rücklaufzettel wird dokumentiert, welche Gegenstände gebracht und repariert werden konnten oder was letztendlich nicht wieder hergestellt werden konnte.

Wer nichts zu reparieren hat, nimmt sich in der „Erneuer Bar“ eine Tasse Kaffee oder Tee. Oder hilft jemand anderem bei der Reparatur. Auf dem Lesetisch liegen verschiedene Bücher zum Thema Reparatur und Heimwerken – immer gut als Inspirationsquelle.

Da die neue Berufsschule mit den aktuellsten technischen Equipment ausgestattet ist, kann der Handy-/Tablet-Dienst über große, hochauflösende Touchscreen-Bildschirme anschaulich umgesetzt werden. Schüler aus dem Projekt „Ehrenamt macht Schule“ und versierte Fachleute erklären den Kunden live über den Bildschirm wie man ein Smartphone oder Tablet einfach bedient und welche speziellen Nutzungsmöglichkeiten bestehen.

An einem speziellen Klebtisch können kaputte Gegenstände aus Porzellan, Holz, Metall und Kunststoff wieder zusammen gefügt werden.

 

Ausblick

Zitate von Teilnehmern

Max Herrnberger (Werkstatt-Koordinator): „Als begeisteter Radfahrer, der auch in Gruppen unterwegs ist, erlebe ich immer wieder, dass die wenigsten sich bei einer Panne selbst helfen können. Dazu kann ich mich im Reparatur Café „gradscht & gricht“ einbringen. Ziel dabei ist auch den Besuchern die Scheu vor der Technik zu nehmen. Wie kann ich einen Platten unterwegs beheben, Schlauch flicken oder ersetzen, Schaltung nachjustieren, gerissene Kette wieder montieren und vieles mehr? Diese Dinge mal unter Anleitung selbst zu erledigen mindert den Frust bei der nächsten Panne.“

 

Herwig Pohl (Werkstatt-Koordinator): „Zunächst war ich sehr skeptisch, als ich von der Idee hörte. Doch gleich nach dem ersten Standortbesuch bei einem auswärtigen Reparatur Café“ habe ich regelrecht Feuer gefangen.“

 

Georg Braun (Kreishandwerksmeister): „Den Menschen wird mit dem Reparatur Café schließlich wieder vor Augen geführt, dass sich defekte Dinge wieder reparieren lassen und nicht und nicht unbedingt auf dem Müll landen müssen. Ich erwarte mir dadurch auch einen Werbeeffekt für das Handwerk.“

 

Franz Löffler (Landrat): „ Wenn wir mit dem Reparatur Café ein Zeichen gegen die Wegwerf-Mentalität setzen, dann haben wir schon viel erreicht. Hinzu kommt, dass die regionale Wirtschaft am Ende sogar davon profitieren wird, weil die Ersatzteile im Handel und nicht im Internet erworben werden.“

 

Siegfried Zistler (Berufsschulleiter): Ich erhoffe mir einen Synergieeffekt zwischen den Ehrenamtlichen, den Bürgern und Azubis, unter denen auch einige mit Migrationshintergrund sind. Wir denken daran, das Café mit unserem Unterricht zu verbinden. Ebenso ist eine Übertragung von Reparaturanleitungen ins Netz angedacht.“

 

Martina Pfeilschifter (freiwillige Helferin): „Ich finde den Untertitel ‚gradscht & gricht‘ genial. Ich freue mich wenn viel geratscht und gerichtet wird.“

 

Koordiniert durch:

Kontakt:

lagfa bayern e.V.
Konrad-Adenauer-Allee 43
86150 Augsburg

Öffnungszeiten:

Montag bis Freitag 9-13 Uhr

Tel.: 0821 207148-0

info@lagfa-bayern.de

 

Gefördert durch: